Forschung

Forschungsprojekt "Das offene Klassenzimmer"

 

 

Das offene Klassenzimmer
Forschungsprojekt am Fachbereich Architektur der FH Aachen

 

Die anhaltenden Diskussionen über die fehlende Bildungsqualität in Deutschlands Schulen waren Anstoß zu unserer Forschungsarbeit. PISA, OECD und andere Studien bestätigten die Dringlichkeit der Änderungen in der Schulausbildung von Deutschlands Kindern und Jugendlichen. Die Architektur spielte allerdings – anders als in den sechziger Jahren – vorerst keine Rolle in der Debatte. Allmählich setzt diesbezüglich ein Umdenken ein und eine Betrachtung der räumlichen Anforderungen von Schulen erfährt ein größeres Interesse.

 

Aktuelle pädagogische Konzepte schreiben dem selbstständigen Arbeiten der Schüler einen immer höheren Stellenwert zu. Sie forcieren individuelle Förderung und proklamieren einen klassen- und altersübergreifenden Unterricht. Der Wandel der Lehr- und Lernkonzepte und der damit verbundene Ausbau der Ganztagsschulen erfordern ein spezifisches räumliches Angebot. Bei der Gestaltung des ganztägigen Unterrichts müssen Aspekte wie Freizeit, Bewegung, Entspannung und Ruhe Bestandteil des Schulalltags werden.

 

Als wir im Zuge unserer Recherchearbeiten die Laborschule in Bielefeld besuchten, war die Überraschung groß: Keine abgeschlossenen Klassenräume, offene Lernfelder und ein Verständnis von Unterricht, das uns bisher unbekannt war. Alle waren sehr engagiert, wir trafen Schüler und Lehrer, die stolz ihre Schule beschrieben. Jedoch zeigten sich auch Probleme, ähnliche wie sie die Großraumlösungen der Bürowelten der 70 er Jahre hatten. Akustik, Organisation und Zuweisungs-probleme von Einzelbereichen haben über die Jahre ihre räumlichen Spuren im Haus hinterlassen. Aber die Idee, die hinter der Laborschule steckt, begeistert und bleibt bis heute leider eine der wenigen Ausnahmen räumlichen Umdenkens im deutschen Schulbau der letzten Dekaden.

 

Ein Blick über die Grenzen zeigte sehr schnell, dass offenere räumliche Lösungen im Schulbau andernorts vermehrt praktiziert wurden und werden. Bei den Großraumlösungen zeigen sich Parallelen zum Bürobau, wovon besonders in den Siebziger Jahren viele Beispiele erstellt wurden. Im Gegensatz zum Schulbau wurden die typologischen Weiterentwicklungen in der Arbeitswelt allerdings schneller vorangetragen, während im Schulbau eine Rückbesinnung auf das frontal ausgerichtete Klassenzimmer einsetzte. Die Großraumbüros wurden weiter ausdifferenziert, um verschiedenen räumlichen Bedürfnissen Rechnung zu tragen, die sowohl Rückzugsbereiche wie auch kommunikative Zonen berücksichtigten.

 

Neben dieser klassischen Recherche haben wir uns am Beispiel der Maria-Montessori-Gesamtschule in Aachen ein Bild davon gemacht, wie Schulalltag heute stattfindet. Als Instrumente unserer Untersuchungen haben wir Lehrer- und Schülerbefragungen durchgeführt, um Unterrichtsmethodik und Lernsituationen in Bezug auf die räumlichen Gegebenheiten bewerten zu können. Neben der Befragung wurde ein Schultag einer siebten Klasse dokumentiert. Dabei wurde festgehalten, wie sich Schüler über den gesamten Tag hinweg durch die Schule bewegen und wo sie sich zum Lernen aufhalten. In den folgenden Diagrammen sind diese Analyseschritte dargestellt.

 

 

Es zeigte sich deutlich, dass das Klassenzimmer als zentraler Ort genutzt wird, an dem Informationen immer wieder zusammengetragen und abgeglichen werden und dass sich die Schüler zwischenzeitlich jedoch über das gesamte Schulgelände ausbreiten, um an ihren Projekten zu arbeiten. Zudem stellte sich heraus, dass es eine Vielzahl von unterschiedlichen Lernsituationen und Gruppengrößen gibt, die sehr unterschiedliche räumliche Anforderungen nach sich ziehen und denen ein frontal ausgerichtetes Klassenzimmer häufig im Wege steht. Aus diesem Grund erscheint es ein logischer Schluss zu sein, dass die Klassenräume sich öffnen und das Lernen nicht mehr ausschließlich in diesen Räumen stattfindet.

 

Auf dieser Grundlage formulierten wir folgende Forschungsthese:

Die Forderung der Pädagogik nach mehr selbständiger Arbeit und mehr individueller Förderung erfordert eine neue Definition und Organisation von Information, Wissensvermittlung, Experiment und Austausch.

 

Letztlich basieren die neuen pädagogischen Konzepte auf einer neuen Kommunikationsstruktur. Als erste Ansätze einer räumlichen Unterstützung dieser neuen Kommunikationsstruktur wurden folgende Diagramme entwickelt. Sie zeigen die veränderte Positionierung von Lehrern und Schülern und die Positionierung von Informationen.

 

 

Das Forschungsprojekt wurde 2005 von Prof. Dipl.-Ing. Frank Hausmann und von Florence Verspay (Pfaff) am Lehrgebiet Entwerfen, Gebäudelehre und CAAD am Fachbereich Architektur durchgeführt. Diese Arbeit stellt eine wichtige Grundlage für die Projektierung von Schulen in unserem Büro dar.

 

Zur weiteren Information können Sie hier unsere Broschüre zur Forschungsarbeit herunterladen.

 

Broschüre „Das offene Klassenzimmer“